Es ist kurz nach acht, als allen klar wird, dass wir die Präsentation heute nicht mehr fertig kriegen, wenn nicht jemand dableibt. Die anderen haben Familie, Bahn, Verabredungen — und so sage ich, wie so oft, dass ich das schon mache. Ich bin Mitte zwanzig, ich wohne allein, auf mich wartet zu Hause niemand außer einer halb leeren Flasche Wein. Was soll's.
Was ich nicht erwartet habe: Dass Jan bleibt.
Jan ist seit einem halben Jahr in unserer Abteilung, und seit einem halben Jahr versuche ich, mir nicht ständig anzusehen, wie sein Hemd über den Schultern spannt, wenn er sich über den Schreibtisch beugt. Er ist groß, ruhig, hat dieses langsame Lächeln, das einem das Gefühl gibt, er hätte gerade etwas gedacht, das er besser für sich behält. Wir flirten seit Monaten, aber nur so, wie man eben im Büro flirtet — mit einem Satz zu viel, einem Blick zu lang, und dann tut man wieder, als wäre nichts.
Es hat angefangen mit Kleinigkeiten. Mit dem Kaffee, den er mir morgens mitbringt, obwohl ihn keiner darum bittet. Mit den Nachrichten im Teamchat, die irgendwann später am Abend kamen und nichts mehr mit der Arbeit zu tun hatten. Mit der Art, wie er in Meetings genau in dem Moment zu mir herübersieht, in dem jemand etwas besonders Dummes sagt, und wir beide ein Lachen unterdrücken müssen. Nichts davon ist je ausgesprochen worden. Es ist eines dieser Dinge, die zwischen zwei Menschen wachsen, ohne dass jemand es laut benennt — bis es so groß geworden ist, dass man fast Angst hat, daran zu rühren.
"Ich lass dich doch nicht allein verhungern", sagt er und zieht sich den Stuhl neben meinen heran. "Außerdem ist die Hälfte von dem Mist auf meinem Konto."
Das Büro liegt um diese Zeit still und halb dunkel da. Nur unsere beiden Bildschirme leuchten, und draußen vor den großen Fenstern hat die Stadt diese warme, orangene Farbe angenommen, die sie im Sommer abends bekommt. Die Klimaanlage ist längst aus, und es ist drückend warm.
Bevor wir richtig anfangen, holt er uns zwei Kaffee aus der Maschine in der Teeküche, und ich sehe ihm dabei zu, wie er sich gegen die Arbeitsplatte lehnt und wartet, dass die Maschine durchläuft. Er hat die Ärmel hochgekrempelt und den obersten Hemdknopf geöffnet, und ich ertappe mich dabei, wie ich viel zu lange auf die Stelle starre, wo sein Hals in die Schulter übergeht. Als er sich umdreht und mir die Tasse reicht, lächelt er, als hätte er genau gemerkt, wohin ich gesehen habe.
"Auf eine lange Nacht", sagt er und stößt seine Tasse leicht gegen meine.
"Auf eine lange Nacht", wiederhole ich, und irgendetwas in seinem Tonfall lässt die Worte plötzlich nach mehr klingen, als sie sollten.
Wir arbeiten. Eine Weile geht es gut. Wir teilen die Folien auf, er übernimmt die Zahlen, ich den Text, und für eine halbe Stunde sind wir tatsächlich produktiv. Aber er sitzt so nah, dass ich seinen Arm spüre, wenn er nach der Maus greift, und ich rieche sein Aftershave, etwas Herbes, das mir jedes Mal einen kleinen Stich in den Bauch versetzt. Jedes Mal, wenn er sich zu meinem Bildschirm hinüberbeugt, um auf etwas zu zeigen, kommt sein Gesicht meinem so nah, dass ich seinen Atem an meiner Wange spüre, und ich vergesse mitten im Satz, was ich eigentlich sagen wollte.
Einmal greifen wir gleichzeitig nach der Maus, und seine Hand legt sich für einen Moment über meine. Keiner von uns zieht sie sofort zurück. Es ist nur eine Sekunde, vielleicht zwei, aber es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, und als ich endlich aufsehe, sieht er mich schon an. Ich versuche, mich auf die Folien zu konzentrieren, aber mein Blick rutscht immer wieder ab — zu seinen Händen, zu seinem offenen Kragen, zu der Ader, die sich an seinem Unterarm abzeichnet.
"Du bist nicht bei der Sache", sagt er irgendwann leise. Er sieht mich nicht an, er sieht auf den Bildschirm, aber er lächelt.
"Doch", sage ich. "Voll konzentriert."
"Aha." Jetzt dreht er den Kopf. Wir sind plötzlich sehr nah. "Worauf denn?"
Ich könnte jetzt etwas Harmloses sagen. Ich könnte lachen und das Thema wechseln, so wie ich es ein halbes Jahr lang gemacht habe. Aber es ist heiß, es ist spät, wir sind allein, und ich bin es so leid, immer die Vernünftige zu sein.
"Rat mal", sage ich.
Sein Blick wird ernster, forschender. Die Luft zwischen uns hat sich verändert, und wir spüren es beide. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, und ich höre mein eigenes Blut in den Ohren rauschen. Einen Augenblick lang halten wir uns einfach nur gegenseitig fest mit den Augen, und dieser Augenblick zieht sich, dehnt sich, wird schwer von all dem, was wir ein halbes Jahr lang nicht gesagt haben.
Einen Moment passiert nichts. Dann legt er seine Hand auf meinen Oberschenkel, ganz ruhig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, und sieht mir dabei in die Augen, als wollte er sehen, ob ich ihn wegschiebe.
Ich schiebe ihn nicht weg.
"Wenn du willst, dass ich aufhöre", sagt er leise, "dann sag es jetzt."
"Hör bloß nicht auf", flüstere ich.
Das genügt ihm. Er zieht mich am Stuhl zu sich heran — diese Bürostühle mit den Rollen sind plötzlich zu etwas gut —, und dann küsst er mich, und es ist nichts Vorsichtiges mehr daran. Es ist der Kuss von jemandem, der ein halbes Jahr lang darauf gewartet hat. Seine Hand wandert von meinem Oberschenkel höher, unter den Saum meines Rocks, und ich höre mich selbst leise seufzen, in dieses leere, dunkle Büro hinein.
"Die ganze Zeit", murmelt er an meinem Mund, "sitze ich neben dir und denke an nichts anderes."
"Ich auch", gebe ich zu. "Die ganze verdammte Zeit."
Ich stehe auf, ohne den Kuss zu lösen, und setze mich rittlings auf seinen Schoß. Durch den Stoff seiner Hose spüre ich sofort, wie hart er schon ist, und allein das lässt die Hitze zwischen meinen Beinen unerträglich werden. Ich bewege mich langsam gegen ihn, und er stöhnt gedämpft, vergräbt sein Gesicht an meinem Hals, küsst die Stelle unter meinem Ohr, beißt sanft zu.
Seine Hände sind überall. Sie schieben mein Top nach oben, finden meine Brüste, und als seine Daumen über die Spitzen streichen, ziehe ich scharf die Luft ein. Er öffnet einen Knopf nach dem anderen an meiner Bluse, ohne Eile, und küsst jedes Stück Haut, das er freilegt. Ich greife in seine Haare und halte ihn fest, während sein Mund sich an meiner Brust zu schaffen macht, und der erste laute Laut, der mir entwischt, hallt seltsam durch den leeren Raum.
Er nimmt sich Zeit. Das überrascht mich — ich hatte erwartet, dass es schnell und gierig wird, nach all den Monaten, aber er macht das Gegenteil. Er küsst sich langsam von meinem Schlüsselbein abwärts, lässt seine Zunge über meine Haut gleiten, und jedes Mal, wenn ich denke, jetzt geht er weiter, hält er wieder inne und sieht zu mir hoch, mit diesem halben Lächeln, das mich wahnsinnig macht.
"Du quälst mich", flüstere ich.
"Ich genieße nur", sagt er. "Ein halbes Jahr lang habe ich mir vorgestellt, wie das hier ist. Lass mir die Zeit."
Seine Worte jagen mir einen heißen Schauer über den Rücken. Ich ziehe ihn am Kragen wieder zu meinem Mund hoch und küsse ihn so, dass ihm hoffentlich klar wird, dass ich genau so wenig Zeit habe wie Geduld.
"Wir sind ganz allein", sagt er, als hätte er meinen Gedanken gehört. Er sieht zu mir hoch, und in seinem Blick liegt etwas Dunkles, Hungriges. "Du musst nicht leise sein."
Ich will nicht mehr leise sein. Ich will überhaupt nichts mehr, außer ihn.
Ich steige von ihm herunter, ziehe ihn am Hemd hoch, und wir stolpern halb küssend, halb lachend rückwärts, bis ich gegen den großen Besprechungstisch stoße, der mitten im Raum steht. Er fegt mit einem Arm die Papiere und den vergessenen Kaffeebecher beiseite — ich höre etwas zu Boden fallen und es ist mir vollkommen egal — und hebt mich auf die Tischkante.
Ich zerre an seinem Hemd, bis die Knöpfe nachgeben, und endlich, endlich kann ich ihn sehen, seinen Oberkörper, die Schultern, die ich monatelang nur durch den Stoff erahnt habe. Ich lege meine Hände flach auf seine Brust und spüre, wie schnell sein Herz schlägt. Genau so schnell wie meins.
Er schiebt meinen Rock hoch bis zur Hüfte und drängt sich zwischen meine Beine. Seine Finger finden den Rand meines Slips, schieben den dünnen Stoff zur Seite, und als er mich zum ersten Mal dort berührt, werfe ich den Kopf in den Nacken.
"Gott", flüstert er, "du bist ja schon völlig nass."
"Deine Schuld", bringe ich heraus.
Er lacht leise, dieses langsame Lachen, das ich so an ihm mag, und dann hört er auf zu reden. Seine Finger bewegen sich langsam, erst kreisend, dann gleitet einer in mich hinein, und ich kralle mich an seinen Schultern fest. Er findet sofort den richtigen Rhythmus, als hätte er schon hundertmal geübt, wie er mich um den Verstand bringt, und mit jeder Bewegung steigt die Spannung in mir höher. Sein Daumen streicht über die empfindlichste Stelle, wieder und wieder, und ich merke, wie ich mich ihm entgegendränge, wie meine Atmung schneller wird, wie alles in mir sich zusammenzieht.
"Nicht aufhören", keuche ich. "Bitte, nicht aufhören."
Er hört nicht auf. Er sieht mir die ganze Zeit ins Gesicht, beobachtet jede Reaktion, und genau in dem Moment, in dem ich denke, ich halte es keine Sekunde länger aus, kippt alles. Die Welle trifft mich so heftig, dass ich seinen Namen stöhne, laut, ohne jede Scham, und mich an ihm festklammere, während mein ganzer Körper bebt.
"So schön", murmelt er und küsst mir die Schläfe, während ich zittere. "Ich wusste, dass du so sein würdest. Ich hab's mir tausendmal vorgestellt, aber das ist besser."
Ich bin noch nicht wieder bei Atem, da küsst er mich schon wieder, tief und gierig. "Ich will dich", sagt er an meinem Mund. "Jetzt."
Ich nicke nur. Meine Finger sind plötzlich ungeschickt, als ich seinen Gürtel öffne, den Knopf, den Reißverschluss. Ich schiebe Hose und Shorts mit einer Bewegung nach unten, und dann nehme ich ihn in die Hand, spüre, wie hart und heiß er ist, und es ist an ihm, zu stöhnen, als ich anfange, ihn langsam zu streicheln.
Ich rutsche von der Tischkante und sinke vor ihm auf die Knie. Er sieht auf mich herab, und in seinen Augen liegt ein ungläubiger Ausdruck, als könnte er nicht fassen, dass das gerade wirklich passiert. Ich halte seinen Blick, während ich ihn zum ersten Mal mit dem Mund verwöhne, langsam, und das tiefe Stöhnen, das ihm entweicht, ist das beste Geräusch, das ich seit langem gehört habe. Seine Hand legt sich sanft in mein Haar, drückt aber nicht, lässt mir die Kontrolle. Ich nehme mir Zeit, so wie er sich vorhin Zeit genommen hat, und genieße es, wie er versucht, sich zu beherrschen, wie seine Muskeln zucken, wie er meinen Namen zwischen den Zähnen hervorpresst.
"Wenn du so weitermachst", keucht er nach einer Weile, "ist es gleich vorbei. Und das will ich nicht. Noch nicht."
Er zieht mich wieder hoch und küsst mich, und ich spüre, wie sehr ihn das eben gekostet hat, sich zurückzuhalten.
"Warte", sagt er rau und greift nach seinem Portemonnaie, das halb aus der heruntergeschobenen Hose ragt. Er zieht ein Kondom heraus, und ich nehme es ihm aus der Hand und rolle es über ihn, langsam, während er zusieht und seine Kiefermuskeln arbeiten, als müsste er sich beherrschen.
Dann zieht er mich an den Hüften zu sich an die Tischkante, und mit einer einzigen, langsamen Bewegung dringt er in mich ein. Wir stöhnen beide gleichzeitig. Einen Moment hält er still, seine Stirn an meiner, und ich spüre ihn überall, tief, vollkommen.
"Alles okay?", fragt er leise.
"Mehr als okay", flüstere ich und schlinge die Beine um ihn, ziehe ihn noch tiefer. "Beweg dich endlich."
Und das tut er. Erst langsam, kontrolliert, dann immer schneller, und ich klammere mich an die Tischkante, an seine Arme, an alles, was ich zu fassen kriege. Das leere Büro füllt sich mit unseren Geräuschen — meinem Keuchen, seinem gedämpften Stöhnen, dem leisen Quietschen des Tisches. Irgendwo unter uns leuchtet die Stadt, und Tausende von Fenstern leuchten zurück, und keiner von ihnen weiß, was wir hier tun, und genau dieser Gedanke macht mich fast wahnsinnig.
Nach einer Weile zieht er sich zurück, und ich protestiere fast — bis er mich an der Hüfte nimmt und mich umdreht, sodass ich mit dem Rücken zu ihm stehe und mich auf die Tischplatte stützen muss. Er streicht mir das Haar zur Seite, küsst meinen Nacken, meine Schulter, und flüstert mir ins Ohr, wie lange er sich genau das vorgestellt hat. Dann dringt er von hinten wieder in mich ein, langsam, bis ich glaube, ich kann ihn bis in die Kehle spüren, und ich muss mich an der Tischkante festhalten, um nicht den Halt zu verlieren.
In dieser Haltung ist alles intensiver. Eine seiner Hände liegt fest auf meiner Hüfte, die andere wandert über meinen Rücken, in mein Haar, und mit jedem Stoß entweicht mir ein Laut, den ich in einem vollen Büro nie zu machen gewagt hätte. Ich sehe unser verschwommenes Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe, sehe ihn hinter mir, den Kopf in den Nacken gelegt, und der Anblick allein lässt mich noch heißer werden.
"Sieh dich an", sagt er rau und folgt meinem Blick zur Scheibe. "Hast du eine Ahnung, wie unglaublich du gerade aussiehst?"
Dann beugt er sich vor, drückt mich sanft mit der Brust auf die Tischplatte, und der neue Winkel lässt mich laut aufstöhnen. Eine seiner Hände hält meine Hüfte fest, die andere wandert wieder zwischen meine Beine, und während er sich in mich bewegt, baut sich die zweite Welle bereits auf, schneller, als ich es für möglich gehalten hätte.
"Ich bin gleich so weit", keuche ich.
"Ich weiß", sagt er. "Ich spür's. Lass los. Ich hab dich."
Diese drei Worte — *ich hab dich* — sind merkwürdigerweise das, was mich über die Kante stößt. Ich komme ein zweites Mal, noch heftiger als zuvor, und höre, wie sich mein eigener Laut an den kahlen Wänden bricht. Er hält noch ein paar Stöße durch, dann spannt sich sein ganzer Körper an, er vergräbt sein Gesicht an meinem Hals und stöhnt tief, während er kommt, und ich halte ihn fest, spüre jedes Beben.
Eine Weile bleiben wir einfach so, ineinander verschlungen, schwer atmend. Mein Rücken klebt am Tisch, mein Haar ist zerzaust, und irgendwo unter dem Tisch liegt der umgekippte Kaffeebecher. Es ist das Unprofessionellste, was ich je in diesem Büro getan habe, und ich bereue keine Sekunde davon.
Jan richtet sich auf, streicht mir eine feuchte Strähne aus dem Gesicht und grinst. "Also", sagt er, "die Präsentation ist immer noch nicht fertig."
Ich fange an zu lachen, und kann nicht mehr aufhören. "Die Präsentation kann mich mal", sage ich.
Er hilft mir vom Tisch, und wir ziehen uns wieder an, halb albern, halb verlegen, und sammeln die Papiere vom Boden auf. Als ich mich bücke, um den Becher aufzuheben, gibt er mir einen leichten Klaps auf den Hintern, und ich werfe ihm einen Blick zu, der eigentlich strafend sein soll, aber wahrscheinlich nur verliebt aussieht.
"Und jetzt?", frage ich, während ich meine Bluse zuknöpfe — zwei Knöpfe fehlen, das wird morgen früh interessant.
Jan lehnt sich an den Tisch, verschränkt die Arme und sieht mich lange an. "Jetzt", sagt er, "lade ich dich auf ein Glas Wein ein. Bei mir. Und morgen erzählen wir den anderen, dass wir sehr, sehr lange an den Folien gesessen haben."
"Sehr lange", wiederhole ich und trete näher an ihn heran. "Und sehr gründlich."
Er zieht mich an der Hüfte zu sich und küsst mich noch einmal, diesmal langsam, ohne Eile, und ich denke, dass ich von jetzt an vielleicht doch öfter freiwillig die Spätschicht übernehme.
Wir lassen die Präsentation, wie sie ist. Auf dem Bildschirm leuchtet noch die halb fertige Folie, der Cursor blinkt geduldig in einer leeren Zeile. Sollen die Folien doch warten.
Manche Dinge sind eben wichtiger.
Als wir das Gebäude verlassen, ist es draußen endlich etwas kühler geworden. Jan nimmt meine Hand, ganz selbstverständlich, als hätten wir das schon hundertmal getan, und wir gehen durch die warme Sommernacht zur U-Bahn. Unterwegs sieht er mich von der Seite an.
"Darf ich dich was fragen?", sagt er.
"Klar."
"Warum hat das ein halbes Jahr gedauert?"
Ich überlege. "Weil ich Angst hatte, mir das hier einzubilden", sage ich ehrlich. "Dieses Ding zwischen uns. Ich dachte, vielleicht bist du einfach nur nett."
Er lacht, dieses langsame, warme Lachen. "Ich bin überhaupt nicht nett", sagt er. "Ich hab seit Monaten ziemlich unanständige Gedanken, wenn du in diesem Rock zur Arbeit kommst."
"Gut zu wissen", sage ich grinsend. "Dann ziehe ich ihn ab jetzt öfter an."
"Tu das", sagt er und drückt meine Hand. "Aber sei nicht überrascht, wenn ich dich dann irgendwann in den Konferenzraum ziehe und die Tür abschließe."
"Wer sagt, dass mich das überraschen würde", gebe ich zurück, und sein Lachen hallt durch die leere Straße.
Bei ihm zu Hause trinken wir den Wein dann übrigens nie.
Kaum fällt die Wohnungstür hinter uns ins Schloss, sind wir wieder übereinander her. Er drängt mich gegen die Wand im Flur, und diesmal ist nichts mehr langsam an ihm. Der geduldige Mann aus dem Büro ist verschwunden; jetzt küsst er mich, als wollte er das Verlorene der letzten sechs Monate auf einmal nachholen. Wir ziehen uns gegenseitig die Sachen vom Leib, lassen sie einfach fallen, eine Spur aus Kleidern auf dem Weg ins Schlafzimmer.
Diesmal lässt er sich aufs Bett fallen und zieht mich auf sich, und ich liebe es, dass er mir die Führung überlässt. Ich setze mich rittlings auf ihn, beuge mich vor, sodass meine Haare wie ein Vorhang um unsere Gesichter fallen, und nehme ihn ganz langsam in mich auf. Wir stöhnen wieder beide gleichzeitig, und für einen Moment bleibe ich einfach so sitzen, voll von ihm, und genieße das Gefühl.
"Du fühlst dich unglaublich an", flüstert er und legt seine Hände auf meine Hüften.
Ich beuge mich vor und küsse ihn, langsam, während ich anfange, mich ganz leicht zu bewegen, kaum merklich, nur um ihn ein bisschen zappeln zu lassen. Er knurrt gegen meinen Mund und versucht, die Hüften zu heben, aber ich drücke ihn mit einer Hand auf der Brust sanft zurück ins Kissen.
"Jetzt bin ich dran mit Quälen", sage ich.
"Du wirst mein Tod sein", stöhnt er, und es klingt nicht so, als würde ihn das im Geringsten stören.
Dann fange ich an, mich zu bewegen. Erst langsam, dann finde ich meinen Rhythmus, und er sieht zu mir hoch, mit diesem Blick, der mir das Gefühl gibt, ich wäre das Einzige auf der Welt, das zählt. Seine Hände wandern über meinen Körper — meine Brüste, meine Hüften — und finden wieder die Stelle, die mich vorhin um den Verstand gebracht hat. Er weiß jetzt schon, was ich brauche.
Das Mondlicht fällt durch das offene Fenster, und irgendwo draußen ist die Sommernacht voller ferner Geräusche, aber ich höre nur ihn, sein Atmen, das tiefer wird, mein eigenes Keuchen. Diesmal kommen wir fast zusammen — ich spüre, wie er sich unter mir anspannt, höre ihn meinen Namen sagen, und das reicht, um auch mich noch einmal über die Kante zu schieben.
Danach liege ich an seine Brust geschmiegt, sein Arm um mich, und wir sind beide zu erschöpft, um zu reden. Sein Herz schlägt langsam unter meiner Wange. Irgendwann lacht er leise.
"Was ist?", frage ich.
"Ich überlege gerade", sagt er, "wie ich morgen den ganzen Tag neben dir sitzen soll, ohne die ganze Zeit daran zu denken."
"Gar nicht", sage ich und lächle gegen seine Haut. "Das ist der Punkt."
Wir trinken den Wein erst gegen drei Uhr morgens, nackt in seiner Küche, viel zu hungrig, um noch länger zu warten — auf den Wein, und auf alles andere. Er sitzt auf dem Küchentisch, ich stehe zwischen seinen Beinen, wir teilen uns ein Glas, und er erzählt mir, dass er sich schon an seinem ersten Tag in der Firma in mich verguckt hat. Ich erzähle ihm, dass ich an dem Tag extra zweimal an seinem Schreibtisch vorbeigegangen bin. Wir lachen wie zwei Teenager, und irgendwann stellt er das Glas weg und zieht mich wieder zu sich, und der Wein bleibt zum zweiten Mal stehen.
Was ich sagen will: Manchmal lohnt es sich, dazubleiben.