Es gibt diesen einen Moment, kurz nachdem der Schaffner die Tür hinter sich zugezogen hat, in dem ein Schlafwagenabteil zum kleinsten Land der Welt wird. Sechs Quadratmeter, zwei Liegen, eine fremde Person — und draußen rauscht halb Europa vorbei, ohne dass es jemanden interessiert. Ich stehe also da, den Rucksack noch über der Schulter, und sehe, dass ich diese Nacht nicht allein verbringen werde.
Du musst dazu wissen: Ich hatte ein Einzelabteil gebucht. Ich buche grundsätzlich Einzelabteile, weil ich nach zwölf Stunden Konferenz, nach diesem ganzen Lächeln und Visitenkartenreichen, einfach nur die Tür zumachen und Mensch sein will. Aber irgendein Algorithmus in Wien hat anders entschieden, und so ist da, auf der unteren Liege, schon jemand. Ein Mann, vielleicht Mitte dreißig, der gerade dabei ist, sein Sakko über den kleinen Haken zu hängen, als wäre das hier sein Wohnzimmer und ich der unangemeldete Gast.
»Oh«, sagt er und dreht sich um. »Ich glaube, wir teilen.«
»Sieht ganz so aus.«
Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, ohne dass es kitschig klingt — und glaub mir, ich bin die Letzte, die so etwas glaubt —, aber es gibt Stimmen, bei denen man sofort merkt, dass man genauer hinhören wird, als einem lieb ist. Seine ist so eine. Tief, ein bisschen rau, mit diesem leicht ironischen Unterton, als fände er die ganze Situation eher amüsant als peinlich. Ich beschließe sofort, ihn nicht zu mögen. Das ist meine bewährte Strategie gegen Männer, die zu gut wissen, wie sie klingen.
»Anselm«, sagt er und streckt mir die Hand hin, was im Stehen, in diesem Abteil, ungefähr so elegant ist wie ein Tanz in einer Telefonzelle.
»Mareike.« Ich gebe ihm die Hand. Trockene, warme Handfläche, fester Griff, kein Festhalten. Pluspunkt, denke ich, und ärgere mich sofort, dass ich Punkte vergebe.
Der Zug — ein Nightjet, der gegen halb elf in Wien losgefahren ist und uns über Nacht nach Westen bringen soll, durch Österreich, durch die Schweiz, irgendwann in den Morgen hinein nach Frankreich — der Zug ruckt an, ehe ich meinen Rucksack verstaut habe, und ich falle ihm fast vor die Füße. Er fängt mich nicht auf. Er sieht nur zu, mit hochgezogener Augenbraue, und sagt: »Willkommen an Bord.«
»Danke. Ich war noch nie so charmant empfangen worden.«
»Das glaube ich dir aufs Wort.«
So fängt das an. Nicht mit Funken, nicht mit Schmetterlingen, sondern mit zwei Leuten, die viel zu müde sind, um höflich zu sein, und es deshalb mit Schlagfertigkeit versuchen.
Wir sortieren uns. Das ist die unromantischste Choreografie der Welt: zwei erwachsene Fremde, die in einem Raum von der Größe eines geräumigen Kleiderschranks versuchen, gleichzeitig die Schuhe auszuziehen, das Waschbecken aufzuklappen und so zu tun, als wäre der jeweils andere gar nicht da. Ich bin Architektin, ich sollte mit Raum umgehen können, aber dieses Abteil bringt selbst mich an meine Grenzen. Jede Bewegung verhandelt unausgesprochen mit der Bewegung des anderen. Wenn er sich bückt, weiche ich aus. Wenn ich mich strecke, lehnt er sich zurück. Es hat etwas von einem stummen Gespräch, das die Körper miteinander führen, lange bevor die Münder sich trauen.
»Du kommst von der Messe?«, fragt er, während er sein Hemd aufknöpft — nur den obersten Knopf, wohlgemerkt, ich beobachte das mit einer Aufmerksamkeit, die mir selbst verdächtig vorkommt.
»Konferenz. Drei Tage Stadtplanung, drei Tage Männer in Anzügen, die mir erklären, was eine Stadt ist.«
Er lacht. Ein echtes Lachen, kurz, überrascht. »Und du bist —«
»Architektin. Genau die Sorte Mensch, die wissen müsste, wie man so ein Abteil baut, dass zwei Menschen darin atmen können, ohne sich gegenseitig die Luft wegzunehmen.«
»Und? Wie würdest du es bauen?«
Ich sehe ihn an. Er meint die Frage ernst, das merke ich, und das ist ungewöhnlich. Die meisten fragen, um zu reden, nicht um zu hören.
»Höher«, sage ich. »Man würde die Liegen versetzt anordnen, damit nicht zwei Köpfe auf derselben Höhe liegen. Nähe ist nicht das Problem. Das Problem ist die falsche Nähe — die, die man nicht gewählt hat.«
»Und die richtige Nähe?«
»Die«, sage ich und merke, dass ich auf dünnes Eis gerate, »baut man nicht. Die passiert.«
Es entsteht eine Pause, in der der Zug durch einen Tunnel fährt und das Abteil für ein paar Sekunden noch enger wird, weil das Dröhnen alles ausfüllt, was sonst Luft wäre. Als wir wieder draußen sind, in der Dunkelheit über irgendeinem Tal, in dem vereinzelte Lichter wie verstreute Glut liegen, sieht er mich immer noch an.
»Architektin«, sagt er langsam, »die an Zufälle glaubt.«
»Restaurator«, rate ich, weil seine Hände aussehen, als würden sie Dinge berühren, die alt und kostbar sind — vorsichtig, aber ohne Scheu. »Oder irgendwas mit alten Sachen.«
Er hebt beide Augenbrauen. »Geiger. Im Orchester. Aber gut geraten — wir arbeiten beide mit Spannung, die man nicht sieht.«
Ich sollte an dieser Stelle einen Witz machen über Geiger und ihre Finger. Ich mache ihn nicht. Und ausgerechnet das, dieses Schweigen an der Stelle, an der ein Witz hätte stehen sollen, sagt mehr, als ein Witz je gesagt hätte. Wir wissen es beide. Keiner sagt es.
Stattdessen rede ich, um die Stille zu übertönen, die sonst gefährlich würde. Ich erzähle ihm von meinem Job, ausführlicher, als nötig wäre, von dem Wettbewerb, den ich gerade verloren habe — ein Kulturzentrum irgendwo am Stadtrand, an dem ich ein halbes Jahr gesessen habe und das jetzt jemand anderes baut, schlechter, billiger, mit weniger Licht. »Ich entwerfe Räume, in denen sich Leute begegnen sollen«, sage ich, »und am Ende gewinnt immer der, der die Begegnung am günstigsten verpackt.« Ich höre selbst, wie viel Bitterkeit da mitschwingt, mehr, als ich einem Fremden eigentlich zumuten wollte.
»Und trotzdem machst du weiter.«
»Klar. Was bleibt einem? Man glaubt halt, dass der nächste Entwurf der ist, bei dem es zusammenkommt. Das ist der Trick, den man sich selbst spielt.«
Er nickt langsam, als hätte ich gerade etwas über ihn gesagt und nicht über mich. »Bei mir heißt das die nächste Aufführung. Man spielt sein Leben lang demselben Abend hinterher, an dem mal alles stimmt — Saal, Akustik, die Kollegen, die eigene Hand. Und der kommt vielleicht zwei-, dreimal vor. Den Rest der Zeit ist man ihm auf der Spur.«
»Klingt einsam.«
»Klingt nach Beruf«, sagt er und lächelt schief. »Manche Berufe sind im Grunde nur sehr gut bezahlte Formen der Sehnsucht.«
Ich sehe ihn an, diesen Mann, der gerade etwas ausgesprochen hat, das ich seit Jahren denke und nie in Worte gebracht habe, und ich spüre, wie sich etwas in mir verschiebt, leise, beinahe unmerklich — als rückte ein Möbelstück um wenige Zentimeter, und der ganze Raum stimmt plötzlich anders.
»Du bist gefährlich«, sage ich, ehe ich es verhindern kann.
»Wieso das?«
»Weil du zuhörst. Männer, die zuhören, sind statistisch gesehen ein Problem.«
Er lacht das tiefe, kurze Lachen, das ich schon zu mögen begonnen habe, und etwas an der Art, wie er dabei den Kopf wegdreht, fast verlegen, lässt mich glauben, dass dieses Kompliment unter all dem Wortgeplänkel des Abends das erste war, das ihn wirklich getroffen hat. Wir wissen es beide. Keiner sagt es.
Gegen Mitternacht klettert er auf die obere Liege, ich bleibe unten, und wir löschen das große Licht. Bleibt nur das kleine, dieses gedämpfte, bernsteinfarbene Nachtlicht über der Tür, das jedem Abteil dieses Aussehen verleiht, als wäre es ein Beichtstuhl auf Schienen. Ich liege auf dem Rücken, höre ihn über mir atmen, höre das Rascheln, wenn er sich dreht, und ich denke: gut. Jetzt schlafen wir. Morgen früh ein höfliches Nicken, getrennte Wege, vergessen bis ans Lebensende.
Nur dass das Einschlafen ausbleibt.
Der Zug hat einen Rhythmus, den man nicht ignorieren kann, wenn man einmal angefangen hat, ihn zu hören. Dieses leise, regelmäßige Wiegen, dieses Ta-tam, ta-tam über die Schienenstöße, das den ganzen Körper sanft schaukelt, ob man will oder nicht. Es ist ein Rhythmus, der einen nicht in Ruhe lässt, der sich in die Glieder legt, und ich liege da und spüre jede einzelne Bewegung des Wagens, und über mir liegt ein fremder Mann, der genau dasselbe spürt, das weiß ich, ohne hinzusehen.
»Schläfst du?«, frage ich irgendwann in die Dunkelheit. Leise, falls er schläft. Halb hoffend, dass er es nicht tut.
»Nein.«
»Ich auch nicht.«
Eine Pause. Dann, von oben, trocken: »Der Zug fühlt sich an, als würde er einem etwas ausreden wollen.«
»Was denn?«
»Den Schlaf.«
Ich lache leise, und es fühlt sich an, als würde dieses Lachen den letzten Faden Höflichkeit durchtrennen, der zwischen uns gespannt war. Denn was soll man auch noch vortäuschen um halb eins nachts, wenn beide wach sind und beide wissen, dass es nichts gibt, was man morgen früh bereuen müsste, weil es morgen früh diesen Menschen schon nicht mehr geben wird.
»Komm runter«, sage ich, und ich höre selbst, wie ruhig meine Stimme ist, viel ruhiger als ich bin. »Reden lässt sich besser, wenn man sich sieht.«
Er zögert. Genau lange genug, dass ich merke, dass auch er sich überlegt, was hier gerade verhandelt wird. Dann das Knarren der oberen Liege, ein bloßer Fuß, der ins Bernsteinlicht taucht, und Anselm lässt sich herunter, geräuschlos für einen so großen Mann, und setzt sich an das Fußende meiner Liege. T-Shirt, Shorts. Nah genug, dass ich die Wärme spüre, die ein Körper abgibt, wenn er gerade aus den Decken kommt. Weit genug, dass es noch nichts heißt.
»Hallo«, sagt er.
»Hallo.«
Wir sehen uns an. Es ist absurd, wie viel man im Halbdunkel eines Schlafwagens sehen kann, wenn man nur lange genug nicht wegschaut. Ich sehe die feinen Linien um seine Augen, die nichts mit dem Alter und alles mit dem Lachen zu tun haben. Ich sehe, dass er auf meinen Mund schaut und dann schnell wieder hoch, als wäre er ertappt worden, und das macht ihn mir, gegen meinen ausdrücklichen Vorsatz, sympathisch.
»Ich sage dir gleich«, fange ich an, weil ich der Mensch bin, der die Dinge beim Namen nennt, ehe sie passieren, »ich mache so etwas nicht.«
»So etwas wie was?«
»Das hier. Fremde Männer in Nachtzügen.«
Er nickt ernst. »Ich auch nicht. Fremde Frauen in Nachtzügen sind statistisch gesehen eine absolute Ausnahme in meinem Leben.«
»Du machst dich über mich lustig.«
»Ein bisschen«, gibt er zu. »Aber nur, weil du so tust, als müsstest du dich rechtfertigen. Es passiert nichts, was du nicht willst. Und nichts, was ich nicht will. Mehr ist hier nicht zu verhandeln.«
Und siehst du, das ist der Moment, in dem ich beschließe, ihn doch zu mögen. Nicht der erste Blick, nicht die Stimme. Sondern dieser Satz, der mir, ohne Aufhebens darum zu machen, das Wichtigste in die Hand legt: dass ich jederzeit gehen kann. Dass das hier kein Sog ist, dem ich ausgeliefert bin, sondern eine Tür, die ich öffne oder nicht.
»Gut«, sage ich.
»Gut«, sagt er.
Und dann passiert lange nichts, und dieses Nichts ist das Aufregendste, was mir seit Monaten passiert ist.
Denn das ist das Geheimnis, das einem keiner verrät: Der Augenblick, in dem alles möglich geworden und noch nichts geschehen ist, dieser schwebende, gespannte Zustand zwischen Verheißung und Erfüllung — der ist süßer als das meiste, was danach kommt. Wir sitzen da, zwei Handbreit Abstand, und der Raum zwischen uns ist so aufgeladen, dass ich schwören könnte, ich könnte ihn anfassen. Ich spüre die Wärme seines Knies neben meinem, ohne dass wir uns berühren. Ich höre, wie er atmet, und ich passe, ohne es zu wollen, meinen eigenen Atem dem seinen an, sodass wir beide im selben Takt ein- und ausatmen, und das allein, dieser geteilte Atem im Halbdunkel, fühlt sich beinahe so intim an wie eine Berührung.
Der Zug verlangsamt sich, hält an einem nächtlichen Bahnhof, von dem ich den Namen nicht lesen kann, weil das Schild zu weit entfernt ist. Für ein paar Minuten ist alles still — kein Ta-tam, kein Wiegen, nur das Ticken irgendeiner Maschinerie unter uns und, von draußen, das Klacken von Schritten auf dem leeren Bahnsteig. In dieser plötzlichen Stille trauen wir uns beide nicht zu sprechen, als wäre die Bewegung des Zuges die Erlaubnis gewesen, und ihr Ausbleiben ein Verbot. Ich sehe zum Fenster, er sieht mich an, das spüre ich, und keiner von uns rührt sich.
Dann ruckt der Zug wieder an, und mit ihm löst sich etwas, ein Bann bricht, und ich drehe mich zu ihm um, und unsere Gesichter sind plötzlich näher, als ich gedacht hatte. So nah, dass ich die winzigen Sprünge in der Ruhe seiner Miene erkenne. Es wäre der Moment. Genau jetzt wäre der Moment. Und gerade weil er so offensichtlich der Moment ist, lassen wir ihn beide verstreichen, ziehen uns einen Millimeter zurück, lächeln — dieses verschwörerische Lächeln zweier Menschen, die wissen, dass sie etwas aufschieben, was unausweichlich geworden ist, einzig um es ein bisschen länger zu verdienen.
»Feigling«, sage ich leise.
»Du auch.«
»Ich weiß.«
Wir reden. Über belanglose Dinge zuerst, weil das Belanglose die einzige Brücke ist, die zwei Fremde tragen kann, ehe sie das Tragfähigere wagen. Über Städte, in denen wir gewesen sind. Über die seltsame Würde von Bahnhöfen um vier Uhr morgens. Über seine Geige, die im Gepäckwagen liegt, weil sie nicht über Nacht in der Kälte sein darf — »wie ein Hund«, sagt er, »den man nicht im Auto lässt« —, und ich frage, ob er sie liebt, und er sieht mich lange an und sagt: »Ich kenne sie länger als jeden anderen Menschen in meinem Leben. Liebe ist da das falsche Wort. Es ist eher so, dass wir miteinander auskommen müssen.«
Während er redet, bin ich abgelenkt. Nicht von den Worten — die höre ich, jedes einzelne —, sondern von seiner Nähe, die mit jeder Minute selbstverständlicher wird. Irgendwann liegt seine Hand auf der Decke, nur eine Handbreit von meinem Knie entfernt, und ich starre diese Hand an wie ein Tier, das man nicht erschrecken will. Lange, sehnige Finger. Geigerhände, also. Hände, die seit Kindertagen geübt haben, genau zu wissen, wie viel Druck welche Saite braucht.
»Du siehst meine Hand an«, sagt er, ohne sie zu bewegen.
»Ja.«
»Soll ich sie wegnehmen?«
Und das ist es wieder, dieses Fragen, das mich verrückt macht, weil es so ganz und gar nicht zum Augenblick passen will und genau deshalb perfekt passt. »Nein«, sage ich.
»Was dann?«
Ich nehme seine Hand und lege sie mir auf das Knie. Über der Decke. Ein Anfang, mehr nicht. Aber durch den dünnen Stoff hindurch spüre ich die Wärme seiner Handfläche, und der Zug wiegt uns beide, und ich höre, wie sein Atem ein winziges bisschen schneller geht, ein einziger Atemzug, der aus dem Takt fällt, und das, dieses kleine Versagen seiner Beherrschung, ist erregender als jede Berührung es bisher hätte sein können.
»Mareike«, sagt er, und mein Name in seinem Mund klingt, als hätte er ihn schon lange geübt.
»Hm.«
»Ich würde dich jetzt gern küssen. Falls das in Ordnung ist.«
»Es wäre«, sage ich, und das »wäre«, dieser Konjunktiv, dieses absurde Festhalten an der Grammatik in einem Moment, in dem mein ganzer Körper längst im Indikativ spricht, bringt uns beide zum Lächeln, »es wäre durchaus in Ordnung.«
Er küsst mich. Erst vorsichtig, fragend, wie man eine Tür aufdrückt, von der man nicht weiß, ob sie quietscht. Dann, als ich seine Unterlippe zwischen meine nehme, weniger vorsichtig. Seine Hand wandert von meinem Knie hoch zu meinem Nacken, zieht mich näher, und ich rutsche von der Liege auf, sodass wir auf gleicher Höhe sitzen, Knie an Knie, in diesem Abteil, das jeden Zentimeter zwischen uns längst aufgegeben hat.
Er küsst, wie er redet — aufmerksam, mit einer Genauigkeit, die nichts Mechanisches hat, sondern im Gegenteil ganz darauf gerichtet ist, herauszufinden, was ich brauche. Wenn ich seufze, merkt er es sich. Wenn ich seinen Nacken fester greife, wird er fester. Es ist, als spielte er ein Instrument, das er noch nie in der Hand hatte und dessen Klang ihn fasziniert.
»Warte«, flüstere ich gegen seinen Mund.
Er hält sofort inne. Lehnt die Stirn an meine, atmet. »Alles gut?«
»Mehr als gut. Ich will nur —« Ich lache, ein bisschen atemlos. »Ich will nur kurz fassungslos sein, dass das gerade wirklich passiert.«
»Du darfst dir gern Zeit lassen mit der Fassungslosigkeit.«
»Nein«, sage ich und ziehe ihn wieder heran. »Die kommt später. Jetzt ist keine Zeit dafür.«
Was dann kommt, kommt langsam, weil wir beide, ohne es zu verabreden, beschlossen haben, dass Eile hier die einzige echte Verschwendung wäre. Wir haben eine Nacht. Eine ganze, lange Nacht, in der draußen die Schweiz vorbeizieht, dunkle Bergflanken, ein See, der das Mondlicht zurückwirft, ein Bahnhof, an dem wir kurz halten und an dessen Bahnsteig ein einzelner Mann mit Hund steht und in unser erleuchtetes Fenster schaut, ohne uns zu sehen, weil wir längst nicht mehr im Licht sind.
Anselm zieht mir den Pullover über den Kopf, und ich lasse es geschehen, und dann sitze ich da im Halbdunkel, und er sieht mich an, einfach nur an, und sagt nichts, und dieses Nichtssagen ist mehr wert als jedes Kompliment, das man sich ausdenken könnte. Seine Finger fahren über mein Schlüsselbein, langsam, als läse er etwas ab, eine Notenzeile, die nur ihm zugänglich ist. Über meine Schulter. Den Arm hinunter. Eine Berührung, die nicht greift, sondern erkundet, und ich spüre, wie sich auf meiner Haut alles aufrichtet, dem nachstrebt, wo seine Finger waren.
»Du hast kalte Hände«, sage ich.
»Geiger haben immer kalte Hände. Die Durchblutung.«
»Dann musst du sie wohl an mir wärmen.«
Er lacht leise gegen meine Schulter, und dann legt er den Mund dorthin, wo eben noch seine Finger waren, und die Wärme dieses Mundes nach der Kühle der Hände lässt mich zusammenzucken, einen Laut machen, den ich nicht geplant hatte. Im Abteil über uns, im ganzen Wagen, schlafen Menschen. Der Gedanke daran, leise sein zu müssen, macht alles schärfer, gespannter — als würde die Stille selbst zu einem Mitwisser, der uns belauscht und nichts verraten darf.
Ich finde den Saum seines T-Shirts und ziehe es ihm hoch, und er hebt die Arme wie ein folgsames Kind, was angesichts der Situation so komisch ist, dass wir beide kichern müssen, und dieses Kichern, mitten in der Hitze, ist vielleicht das Intimste an der ganzen Sache. Sein Oberkörper ist schlank, nicht trainiert auf diese langweilige, gemachte Art, sondern einfach der Körper eines Menschen, der ihn bewohnt, ohne viel über ihn nachzudenken. Ich lege die Hand flach auf seine Brust und spüre sein Herz, das schnell geht, viel schneller, als seine ruhige Stimme zugibt, und dieser Verrat seines eigenen Körpers an seiner Beherrschung — das ist es, was mich anrührt. Dass er Mühe hat, ruhig zu wirken. Dass ich ihm diese Mühe abverlange.
»Du tust so cool«, flüstere ich.
»Ich gebe mir Mühe.«
»Dein Herz tut nicht so cool.«
»Mein Herz«, sagt er und legt seine Hand über meine, dort auf seiner Brust, »ist ein notorischer Verräter. Hör nicht auf das, was ich sage. Hör darauf.«
Also höre ich darauf. Ich lege das Ohr an seine Brust und lausche diesem schnellen, ehrlichen Klopfen, während seine Finger durch mein Haar fahren, und für einen langen Moment tun wir nichts weiter als das — er hält mich, ich höre sein Herz, und der Zug wiegt uns —, und es ist eine Zärtlichkeit, mit der ich nicht gerechnet hatte, die mich beinahe mehr überrumpelt als alles Begehren. Denn das Begehren hatte ich erwartet. Das Begehren ist berechenbar. Womit ich nicht gerechnet hatte, war diese unverhoffte Sanftheit, dieses Gehaltenwerden von einem Menschen, dessen Nachnamen ich nicht einmal kenne und der mich morgen früh nie wiedersehen wird.
Und vielleicht ist es genau das, was die Anonymität so freisetzend macht: dass man, gerade weil es keine Zukunft gibt, in die man irgendetwas hinüberretten müsste, alles riskieren kann. Keine Vorsicht, kein taktisches Zurückhalten, kein Schielen darauf, wie man morgen dasteht. Ich kann hier ganz und gar ich sein, ungeschützt, weil es keine Konsequenz gibt außer dem Augenblick selbst. Ich glaube, ich war seit Jahren nicht mehr so wenig vorsichtig, und es fühlt sich an wie tief Luft holen nach langem Tauchen.
Wir liegen auf der schmalen unteren Liege, und es gibt keinen anderen Platz, also liegen wir eng, ineinander verschachtelt, und genau diese erzwungene Nähe, die mich zu Beginn des Abends noch geärgert hat, ist jetzt das Beste an allem. Es gibt kein Ausweichen mehr. Jeder Zentimeter Haut hat seinen Gegenpart gefunden. Der Zug schaukelt uns, und wir nutzen sein Schaukeln, lassen uns von ihm bewegen, sodass man kaum noch sagen kann, was Absicht ist und was bloß Physik — und vielleicht ist das das Schönste am Lieben in einem fahrenden Zug: dass die Bewegung einem abgenommen wird, dass man sich treiben lassen darf von etwas Größerem als man selbst.
Seine Hand wandert tiefer, fragt mit jedem Zentimeter neu, und als sie zwischen meine Beine findet, hält er inne, sieht mir in die Augen, diese unausgesprochene Frage darin, und ich nicke, und dann mehr als nicke — »ja«, sage ich, ganz deutlich, weil ich will, dass kein Zweifel bleibt, weil das Aussprechen selbst ein Teil dessen ist, was ich will. Seine Finger sind kühl und werden warm, sie lernen schnell, sie sind ja Hände, die fürs Lernen gemacht sind, und ich vergrabe das Gesicht an seinem Hals, um den Laut zu dämpfen, der sonst durch den halben Wagen ginge.
»So?«, flüstert er an meinem Ohr, und es ist keine eitle Frage, es ist eine echte.
»Genau so. Nicht aufhören.«
»Hatte ich nicht vor.«
Ich greife nach seiner anderen Hand und führe sie dorthin, wo ich sie haben will, und sage ihm, leise, in halben Sätzen, atemlos, was gut ist und was besser wäre, und er hört zu — natürlich hört er zu, er kann ja nichts anderes —, und das Sprechen darüber, das Aussprechen meines eigenen Begehrens in die Dunkelheit hinein, ist beinahe so erregend wie das, was seine Hände tun. Ich bin sonst keine, die viel redet dabei. Aber hier, mit einem Mann, der morgen früh aus meinem Leben verschwunden sein wird, fällt jede Hemmung von mir ab wie ein Mantel, den man im warmen Raum nicht mehr braucht. Ich kann sagen, was ich will. Ich kann wollen, was ich will.
Sein Mund findet meinen Hals, meine Schulter, wandert tiefer, und ich vergrabe die Finger in seinem Haar und lasse den Kopf zurückfallen gegen das kühle Fensterglas, an dem draußen die Nacht vorbeirast. Das Glas vibriert leise im Takt der Schienen, überträgt das Zittern des ganzen Zuges in meinen Schädel, und diese doppelte Bewegung — seine Lippen auf meiner Haut, die Vibration im Glas an meinem Hinterkopf — lässt mich vollends den Faden verlieren, den dünnen Faden Selbstbeherrschung, an dem ich mich den ganzen Abend festgehalten habe.
Die Welt schrumpft auf diese Liege zusammen, auf das Bernsteinlicht, auf seinen Atem an meinem Ohr und seine Hand und das endlose, treibende Ta-tam der Schienen, das alles trägt, jeden Laut, jede Bewegung, in seinen großen, gleichmütigen Rhythmus aufnimmt. Ich spüre, wie etwas sich in mir aufbaut, langsam, in Wellen, die jeweils ein Stück höher reichen, und ich klammere mich an ihn, und kurz bevor es mich nimmt, flüstere ich seinen Namen, nicht als Aufforderung, sondern weil ich in diesem Moment einfach nicht allein sein will mit dem, was geschieht. Er hält mich, hält mich richtig, mit dem ganzen Arm, während es durch mich hindurchgeht, und ich beiße in seine Schulter, um leise zu sein, und höre ihn leise lachen, ein erschüttertes, zärtliches Lachen.
»Du bist schön, wenn du vergisst, cool zu sein«, sagt er.
»Halt den Mund«, sage ich, atemlos, und küsse ihn, damit er es tut.
Dann bin ich an der Reihe, ihn aus der Fassung zu bringen, und das, muss ich zugeben, ist mein Lieblingsteil. Ich liebe diesen Moment, in dem ein Mensch, der sich für gefasst hält, merkt, dass er es nicht ist. Ich schiebe ihn auf den Rücken, so weit das geht auf dieser Liege, die für eine einzige Person gedacht ist, und steige über ihn, und allein dieses Bild — er unter mir, die Hände links und rechts neben meinen Hüften, die Augen halb geschlossen — lässt etwas in mir kippen.
Ich nehme mir Zeit. Ich lasse den Mund über seine Brust wandern, tiefer, und spüre, wie sein Bauch sich anspannt, wie er den Atem anhält und ihn dann stoßweise wieder loslässt. Seine Finger finden mein Haar, nicht drückend, nur haltend, und als ich tiefer gehe, höre ich, wie er meinen Namen sagt, diesmal mit einem ganz anderen Unterton, einem, der nichts Ironisches mehr hat.
»Mareike — warte —«, sagt er, und ich halte inne und sehe hoch.
»Zu viel?«
»Nein. Zu gut. Ich will nicht, dass es —« Er lacht, ein bisschen hilflos. »Ich will, dass es länger dauert.«
»Wir haben die ganze Nacht«, sage ich, und es klingt wie ein Versprechen und ist doch zugleich, das wissen wir beide, das genaue Gegenteil. Wir haben die ganze Nacht — und nur sie. Genau das macht jede Minute kostbar. Es gibt kein Morgen, das wir uns aufsparen müssten. Es gibt nur dieses Jetzt, und es wird mit jedem Kilometer, den der Zug nach Westen frisst, ein Stückchen kürzer.
Ich gehe trotzdem zurück, hoch, lege mich neben ihn, weil ich plötzlich das Bedürfnis habe, ihn anzusehen, sein Gesicht, ehe das alles vorbei ist. »Hast du was dabei?«, frage ich, und es ist eine so nüchterne, praktische Frage mitten in all dem, und gerade deshalb ist sie richtig.
Er nickt, greift in seinen Rucksack neben der Liege, und ich bin ihm dankbar, dass er nicht so tut, als hätte er nicht damit gerechnet, dass dieser Augenblick kommen könnte. »Reisevorbereitung«, sagt er mit einem schiefen Grinsen.
»Optimist.«
»Realist. Ich teile mein Abteil mit Architektinnen, die an Zufälle glauben.«
Und dann, endlich, sind wir an der Stelle, an der die Worte aufhören, an der das Reden, das uns die ganze Nacht so gut gedient hat, von etwas Älterem, Wortloserem abgelöst wird. Er ist über mir, langsam, und wir halten den Atem an, beide, in dem Moment, in dem er kommt, und ich sehe, wie sich etwas in seinem Gesicht löst, ein letzter Rest Anspannung, der von ihm abfällt. Wir bewegen uns vorsichtig, weil die Liege schmal ist und der Wagen schaukelt und wir beide leise sein müssen, und gerade diese Vorsicht zwingt uns zu einer Langsamkeit, die alles intensiver macht. Jede Bewegung muss zählen. Jede wird ausgekostet.
Der Zug nimmt uns in seinen Takt, und wir lassen ihn, finden in sein Wiegen hinein, sodass die Schienenstöße selbst zum Rhythmus werden, dem wir folgen — ta-tam, ta-tam —, und es ist, als liebten wir nicht nur miteinander, sondern mit dem ganzen Zug, mit der Nacht, mit den Hunderten Kilometern, die unter uns vorbeirauschen. Ich halte mich an seinem Rücken fest, spüre die Muskeln darin arbeiten, spüre seinen Atem heiß an meinem Hals, und über uns, durch das Fenster, dessen Vorhang wir nicht ganz zugezogen haben, zieht ein Sternenhimmel vorbei, klar und kalt und vollkommen gleichgültig gegenüber den zwei Menschen, die sich da unten in einem winzigen erleuchteten Kasten aneinander festhalten, als hinge ihr Leben davon ab.
»Sieh mich an«, sage ich, und er tut es, und wir sehen uns an, die ganze Zeit, und das ist das Verletzlichste von allem — nicht die nackte Haut, sondern dieser ungeschützte Blick, dieses Nicht-Wegsehen-Können in einem Moment, in dem man sich nicht verstecken kann.
Es dauert lange, weil wir es lange dauern lassen, und als es uns beide schließlich nimmt, fast gleichzeitig, da pressen wir die Münder aufeinander, um leise zu sein, und ich spüre seinen unterdrückten Laut auf meinen Lippen mehr, als ich ihn höre, und ich denke, mitten in allem, in einem Aufblitzen vollkommener Klarheit: Das hier werde ich nie vergessen, und das ist die ganze Tragik und die ganze Schönheit daran.
Danach liegen wir da, ineinander verkeilt auf dieser unmöglichen Liege, schweißnass, atemlos, und keiner von uns hat die Kraft, sich um die Frage zu kümmern, wie zwei erwachsene Menschen hier eigentlich schlafen sollen. Sein Herz, unter meiner Wange, geht allmählich wieder langsamer. Draußen ist es immer noch dunkel, aber es ist die Art Dunkelheit, die schon weiß, dass sie nicht mehr lange dunkel sein wird.
»Darf ich dich was fragen?«, sage ich irgendwann.
»Hm.«
»Spielst du jemals etwas Bestimmtes, wenn du an eine Nacht denkst, die nur einmal passiert ist?«
Er ist lange still. Ich spüre, wie er nachdenkt, richtig nachdenkt, nicht den Reflex des Charmeurs sucht. »Es gibt ein Stück«, sagt er schließlich. »Ein langsames. Man spielt es so, dass jeder Ton klingt, als wäre er der letzte. Als gäbe es kein Danach. Davon lebt es — von dem Wissen, dass es vorbeigeht.«
»Das ist traurig.«
»Das ist genau«, sagt er, »warum es schön ist.«
Ich hebe den Kopf und sehe ihn an, und in dem ersten, grauen Licht, das sich gerade an den Rand des Vorhangs schiebt, sieht er jünger aus und älter zugleich, einfach nur menschlich, einfach nur jemand, der für eine Nacht in mein kleinstes Land der Welt geraten ist.
Wir reden nicht über Telefonnummern. Wir reden nicht über das nächste Mal, über Städte, in denen wir beide manchmal sind, über die hundert kleinen Lügen, die zwei Menschen einander erzählen, wenn sie nicht zugeben wollen, dass etwas einmalig war. Stattdessen küsst er mich noch einmal, lang und ohne Eile, und es ist ein Kuss, der nicht festhalten will, sondern verabschieden, und gerade darum ist er der ehrlichste der ganzen Nacht.
Der Morgen kommt, wie Morgen in Zügen immer kommen: zu früh, zu hell, mit der durchdringenden Stimme aus dem Lautsprecher, die uns in einer Sprache und dann in der nächsten mitteilt, dass wir in zwanzig Minuten ankommen. Wir ziehen uns an, in derselben unmöglichen Choreografie wie am Abend, nur dass jetzt zwischen jeder Bewegung ein Lächeln liegt, ein flüchtiges Berühren, ein letztes In-Besitz-Nehmen von etwas, das uns gleich nicht mehr gehören wird.
Er hängt sein Sakko wieder über, knöpft das Hemd zu — alle Knöpfe diesmal, ich zähle sie heimlich mit —, und wird langsam wieder zu dem Mann, der er gestern Abend war, als ich beschloss, ihn nicht zu mögen. Nur dass ich jetzt weiß, wie sein Herz unter dieser ruhigen Stimme rast. Manche Dinge kann man nicht wieder verlernen.
Der Zug wird langsamer. Die ersten Häuser einer fremden Stadt schieben sich ins Fenster, grau und verschlafen, ein Bahnsteig, Menschen mit Pappbechern, ein ganz normaler Morgen, der nichts von dieser Nacht weiß und nichts davon wissen wird.
»Mareike«, sagt Anselm, als der Zug zum Stehen kommt, und ich drehe mich um, halb erwartend, dass jetzt doch der Satz kommt, die Nummer, das Wiedersehen.
Er sagt ihn nicht. Er sieht mich nur an, lange, mit diesem Blick, der nichts festhalten und doch alles behalten will, und dann sagt er, ganz leise, fast belustigt über sich selbst: »Du hast recht gehabt, weißt du. Die richtige Nähe. Die baut man nicht.«
»Die passiert«, sage ich.
»Die passiert.«
Und dann nehme ich meinen Rucksack, und er hält mir die Tür auf, diese winzige Tür, durch die wir vor Stunden als Fremde hereingekommen sind, und ich steige aus, hinein in den kalten, hellen Morgen, und gehe über den Bahnsteig, ohne mich umzudrehen. Ich drehe mich nicht um, weil ich es nicht ertragen würde, ihn da stehen zu sehen, und weil ich weiß, dass das, was wir hatten, genau deshalb so vollkommen war, weil es kein Morgen kennt.
Aber ich schwöre dir — und glaub mir, ich bin die Letzte, die so etwas glaubt —, wenn ich heute irgendwo eine Geige höre, ein langsames Stück, eins von denen, bei denen jeder Ton klingt, als wäre er der letzte, dann bin ich für ein paar Takte wieder in diesem kleinsten Land der Welt, mit dem Wiegen der Schienen unter mir und einer fremden, warmen Hand auf meinem Knie. Über der Decke. Ein Anfang, mehr nicht.
Und manchmal ist ein Anfang, der nie eine Fortsetzung bekommt, das Vollständigste, was man kriegen kann.