Es regnete schon den ganzen Tag, als Lena beschloss, früher Feierabend zu machen. Eigentlich hätte sie noch zwei Stunden im Büro bleiben müssen, denn der Bericht, an dem sie seit Wochen saß, war noch lange nicht fertig. Aber an manchen Tagen, dachte sie, während sie aus dem Fenster auf die nassen Dächer der Stadt schaute, lohnt sich der Kampf einfach nicht. Sie war zweiunddreißig, sie arbeitete zu viel, und sie hatte seit Monaten das Gefühl, dass das Leben irgendwo an ihr vorbeizog, ohne sie mitzunehmen.
Sie zog ihren Mantel an, schaltete den Computer aus und verließ das Gebäude. Draußen schlug ihr der Regen ins Gesicht, kalt und ehrlich, und für einen Moment fühlte sie sich seltsam lebendig. Die Straße glänzte im Licht der Laternen, die Autos warfen lange Reflexe auf den Asphalt, und die Menschen eilten mit hochgezogenen Schultern an ihr vorbei, als wollten sie dem Abend so schnell wie möglich entkommen.
Lena nicht. Lena hatte es nicht eilig. Zum ersten Mal seit langer Zeit wartete niemand zu Hause auf sie, und das war, wenn sie ehrlich war, eher eine Erleichterung als ein Schmerz. Die Beziehung mit Thomas war vor drei Monaten zu Ende gegangen, leise und ohne großen Streit, so wie eben alles in den letzten Jahren leise und ohne großen Streit gewesen war. Sie vermisste ihn kaum. Was sie vermisste, war etwas, das sie nicht hätte benennen können — das Gefühl, begehrt zu werden, vielleicht. Das Gefühl, dass jemand sie ansah, als wäre sie das Interessanteste im ganzen Raum.
Sie ging in die kleine Bar an der Ecke, in die sie früher oft mit Kolleginnen gegangen war. Heute Abend war sie allein. Sie setzte sich an die Theke, bestellte einen Rotwein und ließ den Blick durch den warmen, halb leeren Raum schweifen. Es roch nach Holz, nach Regen und nach dem süßlichen Rauch einer Kerze, die irgendwo auf einem der Tische brannte.
Und dann sah sie ihn.
Er saß am anderen Ende der Theke, ein Buch vor sich, ein Glas Whisky daneben. Er musste etwa in ihrem Alter sein, vielleicht ein paar Jahre älter. Was ihr zuerst auffiel, waren seine Hände — große, ruhige Hände, die die Seiten umblätterten, als hätten sie alle Zeit der Welt. Dann hob er den Kopf, und ihre Blicke trafen sich.
Sie sah sofort wieder weg, wie man es eben tut. Aber sie spürte, dass er sie weiter ansah, und diese Aufmerksamkeit lief ihr warm den Rücken hinunter. Als sie es nach einer Weile wagte, wieder hinzusehen, lächelte er. Es war kein aufdringliches Lächeln, eher ein neugieriges, fast amüsiertes, als hätte er einen Witz gehört, den nur sie beide verstehen würden.
Er nahm sein Glas, stand auf und kam herüber.
"Stört es Sie, wenn ich mich setze?", fragte er. Seine Stimme war tief und ruhig, und obwohl er sie siezte, lag etwas Vertrautes darin, als würden sie sich schon lange kennen.
"Nein", sagte Lena und wunderte sich selbst darüber, wie fest ihre Stimme klang. "Setzen Sie sich."
Er stellte sich vor und fragte nach ihrem Namen, und schon nach wenigen Sätzen hatte sie das Gefühl, dass das Gespräch eine eigene Leichtigkeit besaß, wie sie ihr seit Jahren nicht mehr begegnet war. Nichts wirkte gezwungen, keine Pause war unangenehm; selbst das kurze Schweigen zwischen ihren Sätzen fühlte sich an, als gehöre es dazu.
Er hieß David. Er war Fotograf, erzählte er, und er war erst vor wenigen Monaten in die Stadt gezogen, nachdem er jahrelang im Ausland gearbeitet hatte. Sie sprachen über das Reisen, über die Orte, an denen er gewesen war, über die seltsame Einsamkeit, die man manchmal mitten in einer fremden Stadt empfindet. Er hörte ihr zu, wirklich zu, und stellte Fragen, die zeigten, dass er sich an das erinnerte, was sie gesagt hatte. Es war lange her, dachte Lena, dass ihr jemand so zugehört hatte.
Der Wein machte sie mutiger. Sie merkte, dass sie sich zu ihm hinlehnte, dass ihre Hände sich auf der Theke beinahe berührten, dass sie lachte, lauter und freier, als sie es seit Monaten getan hatte. Und sie merkte, wie sein Blick immer wieder zu ihrem Mund wanderte, wenn sie sprach, und wie ihr dabei jedes Mal heiß wurde.
Sie erzählte ihm Dinge, die sie sonst niemandem erzählte. Von ihrer Arbeit, die sie früher einmal geliebt hatte und die ihr inzwischen nur noch wie ein langer, grauer Flur vorkam, durch den sie jeden Tag ging, ohne je eine Tür zu öffnen. Von dem Gefühl, mit zweiunddreißig plötzlich nicht mehr zu wissen, wohin sie eigentlich wollte. David hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, und als sie fertig war, schwieg er einen Moment, bevor er sprach.
"Vielleicht", sagte er nachdenklich, "ist es gar nicht so schlimm, eine Weile nicht zu wissen, wohin man will. Manchmal sind das die einzigen Momente, in denen wirklich etwas Neues passieren kann. Solange man genau weiß, was man will, läuft man ja immer nur auf dasselbe Ziel zu."
"Das klingt fast, als hättest du es selbst durchgemacht", sagte Lena.
"Habe ich auch", antwortete er. "Ich habe vor zwei Jahren alles hinter mir gelassen — eine Beziehung, einen festen Job, eine Wohnung, in der ich mich nie wirklich zu Hause gefühlt habe. Alle hielten mich für verrückt. Und ehrlich gesagt war ich danach lange ziemlich verloren. Aber ich würde es jederzeit wieder tun."
Er drehte das Glas in seinen Händen, und das Licht der Kerze fing sich golden im Whisky.
"Das Schlimmste ist nicht, den Boden unter den Füßen zu verlieren", fügte er leiser hinzu. "Das Schlimmste ist, sein ganzes Leben lang so zu tun, als stünde man fest, während man in Wirklichkeit längst nichts mehr spürt."
Lena sah ihn an und hatte das seltsame Gefühl, dass er etwas ausgesprochen hatte, das sie selbst seit Monaten nicht in Worte hatte fassen können. Sie nahm einen Schluck Wein, mehr um etwas zu tun zu haben, als aus Durst, und stellte das Glas dann mit einer Entschlossenheit ab, die sie selbst überraschte.
"Darf ich Ihnen etwas sagen, ohne dass Sie weglaufen?", fragte er schließlich.
"Das kommt darauf an", sagte sie und lächelte.
"Ich finde Sie wunderschön", sagte er einfach. "Und ich sitze schon den ganzen Abend hier und überlege, ob ich den Mut habe, es Ihnen zu sagen."
Lena spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Wäre sie vorsichtiger gewesen, hätte sie vielleicht etwas Höfliches gemurmelt und das Thema gewechselt. Aber an diesem Abend, mit dem Regen vor den Fenstern und dem Wein in ihren Adern, wollte sie nicht vorsichtig sein.
"Dann bin ich froh, dass Sie den Mut hatten", sagte sie leise.
Eine Weile saßen sie nur da und sahen einander an. Die Luft zwischen ihnen war auf einmal dicht und voller Spannung, als hätte sich ein unsichtbarer Faden gespannt, der sich mit jeder Sekunde fester zog.
"Ich wohne nicht weit von hier", sagte David schließlich. Seine Stimme war jetzt rauer. "Aber ich will nichts überstürzen. Wenn du lieber nur noch einen Wein trinken möchtest, dann trinken wir noch einen Wein, und ich bringe dich danach nach Hause. Es liegt ganz bei dir."
Dass er sie plötzlich duzte, dass er ihr die Entscheidung so offen überließ, machte alles nur noch verlockender. Lena dachte an ihre leere Wohnung, an den unfertigen Bericht, an die langen Monate, in denen sie kaum gespürt hatte, dass sie überhaupt einen Körper besaß.
"Ich möchte mit dir gehen", sagte sie.
Draußen regnete es noch immer, doch der Regen hatte seine Schärfe verloren und fiel jetzt weich und gleichmäßig auf die Stadt. David hielt ihr seine Jacke über den Kopf, und sie liefen eng nebeneinander durch die menschenleeren Straßen, lachend, halb durchnässt, während das Wasser in den Rinnsteinen gluckerte und die Schaufenster ihr Licht in die Pfützen warfen.
An einer Kreuzung blieben sie stehen, weil die Ampel rot war, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen war. Lena drehte sich zu ihm um, und ohne nachzudenken, ohne auf Grün zu warten, küsste sie ihn — zum ersten Mal, mitten auf der Straße, im strömenden Regen. Es war ein kurzer, kühner Kuss, und als sie sich wieder löste, sah sie an seinem Gesichtsausdruck, dass sie ihn überrascht hatte.
"Das", sagte er heiser, "habe ich den ganzen Abend gehofft."
"Ich weiß", sagte sie und lächelte. "Deshalb habe ich es getan."
Sie gingen weiter, jetzt langsamer, ihre Hand fest in seiner. Der Regen kümmerte sie nicht mehr. Lena konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so leicht gefühlt hatte, so frei von dem ewigen Gewicht der Vernunft, das sonst auf all ihren Entscheidungen lastete.
Seine Wohnung lag im obersten Stock eines alten Gebäudes, mit hohen Fenstern, durch die man über die nassen Dächer der Stadt sehen konnte. Überall standen Bücher, an den Wänden hingen Fotografien, die er offensichtlich selbst gemacht hatte — Landschaften, Gesichter, Hände, alles in tiefem Schwarz-Weiß. Es roch nach Kaffee und nach altem Papier.
"Möchtest du etwas trinken?", fragte er, während er den Mantel von ihren Schultern nahm. Seine Finger streiften dabei ihren Nacken, und der kurze Kontakt ließ sie erschauern.
"Nein", sagte sie und drehte sich zu ihm um. "Ich möchte nichts trinken."
Sie standen sich gegenüber, ganz nah, und für einen Moment bewegte sich keiner von ihnen. Dann hob er die Hand und strich ihr eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht, langsam, fast vorsichtig, als hätte er Angst, dass sie zerbrechen könnte. Seine Augen fragten, und ihre gaben die Antwort.
Der erste Kuss war zart, beinahe zögerlich, ein vorsichtiges Tasten. Doch kaum hatten sich ihre Lippen berührt, brach etwas in ihnen beiden auf, das sich nicht länger zurückhalten ließ. Der zweite Kuss war tief und hungrig. Lena vergrub die Hände in seinem Haar, zog ihn näher, spürte, wie seine Arme sich fest um ihre Taille legten und sie an seinen Körper drückten.
"Du zitterst", flüsterte er an ihrem Ohr.
"Nicht weil ich friere", flüsterte sie zurück.
Er lachte leise, ein dunkler, warmer Ton, und küsste den weichen Punkt unter ihrem Ohr, dann ihren Hals, dann die Stelle, wo ihr Puls schlug. Seine Lippen wanderten langsam, geduldig, als wollte er sich jeden Zentimeter ihrer Haut einprägen. Lena legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Jede Berührung schickte eine Welle der Wärme durch ihren Körper, und sie hatte fast vergessen, wie sehr sie sich danach gesehnt hatte, so begehrt zu werden.
Seine Hände fanden die Knöpfe ihrer Bluse und öffneten sie einen nach dem anderen, ohne Eile, während sein Blick die ganze Zeit auf ihrem Gesicht ruhte, als suchte er nach dem kleinsten Zeichen, dass sie zögerte. Aber sie zögerte nicht. Sie wollte das hier, mehr als sie sich seit langem irgendetwas gewünscht hatte.
Als die Bluse zu Boden glitt, trat er einen halben Schritt zurück und sah sie an. "Wunderschön", sagte er noch einmal, und diesmal klang das Wort nicht wie ein Kompliment, sondern wie eine schlichte Feststellung, und gerade deshalb glaubte sie ihm.
Sie zog ihm das Hemd über den Kopf. Seine Haut war warm unter ihren Händen, und sie spürte unter ihren Fingern, wie schnell sein Herz schlug — so schnell wie ihres. Diese kleine Entdeckung, dass auch er nervös war, dass auch ihn das hier ergriff, rührte sie auf eine Weise, die sie nicht erwartet hatte.
Eine Weile standen sie nur da, mitten im Zimmer, und hielten einander, Stirn an Stirn, und atmeten denselben Atem. Es lag etwas beinahe Andächtiges in diesem Innehalten, als wollten sie beide den Moment festhalten, kurz bevor er kippte und in etwas Unaufhaltsames überging. Lena spürte seinen Herzschlag an ihrer Brust, das Beben in seinen Händen, und sie wusste, dass auch für ihn dies hier kein beiläufiger Abend war.
Dann küsste sie ihn wieder, und das vorsichtige Tasten war endgültig vorbei. Seine Hände wurden fordernder, ihre nicht weniger. Sie zog ihn rückwärts mit sich, bis sie gegen die Wand stieß, und das leise Lachen, das ihr entwich, verwandelte sich in ein Seufzen, als sein Mund ihre Schulter fand, ihr Schlüsselbein, die weiche Rundung darunter.
Er hob sie hoch, und sie schlang lachend die Beine um ihn, während er sie ins Schlafzimmer trug. Dort ließ er sie sanft auf das Bett gleiten und legte sich über sie, stützte sich auf die Arme und sah eine Weile nur auf sie herab.
"Wir haben es nicht eilig", murmelte er. "Die ganze Nacht gehört uns."
Und so war es. Sie nahmen sich Zeit — viel Zeit. David schien jeden Millimeter ihres Körpers erkunden zu wollen, mit den Händen, mit den Lippen, mit einer Geduld, die Lena beinahe um den Verstand brachte. Er las jede ihrer Reaktionen, jedes Stocken ihres Atems, jedes leise Geräusch, das ihr entwich, und richtete sich danach, als wäre ihr Vergnügen das Einzige, was in dieser Nacht zählte.
Lena gab sich dem Augenblick hin, wie sie es seit Jahren nicht mehr getan hatte. Sie dachte nicht an den Bericht, nicht an Thomas, nicht an die leere Wohnung. Sie dachte überhaupt nicht mehr, sie fühlte nur noch — seine Hände, seinen Mund, das Gewicht seines Körpers, die langsam ansteigende Hitze, die sich in ihr sammelte wie ein Gewitter, das sich nicht länger halten ließ.
Sie verlor jedes Gefühl für die Zeit. Irgendwann drehte sie ihn auf den Rücken und nahm sich, was sie wollte, und er ließ es geschehen, mit einem leisen, bewundernden Lachen, das in ein Stöhnen überging, sobald sie das Tempo bestimmte. Es war ein Hin und Her zwischen ihnen, ein stilles Gespräch aus Berührungen und Blicken, in dem keiner führte und keiner folgte. Wenn er innehielt, dann nur, um sie anzusehen, und in diesen Blicken lag etwas, das Lena tiefer traf als jede Berührung — ein ungläubiges Staunen, als könne er kaum fassen, dass sie wirklich hier war.
"Sieh mich an", flüsterte er einmal, als sie die Augen geschlossen hatte, und als sie es tat, hielt er ihren Blick fest, und gerade diese Offenheit, dieses Nichts-Verbergen, machte alles nur noch intensiver. Sie hatte nie gewusst, dass es so etwas geben konnte — diese Mischung aus Verlangen und Vertrautheit mit einem Menschen, den sie erst seit wenigen Stunden kannte.
Als die Welle sie schließlich erfasste, klammerte sie sich an ihn, und er hielt sie fest, flüsterte ihren Namen, wieder und wieder, als wäre er das Kostbarste, was er kannte. Und kurz darauf folgte er ihr, mit einem tiefen, gedämpften Laut, das Gesicht in ihrem Hals vergraben.
Danach lagen sie lange still, Haut an Haut, ihre Beine ineinander verschlungen, sein Herz unter ihrer Wange. Der Regen trommelte leise gegen die hohen Fenster, und das Licht der Stadt zeichnete bewegliche Muster an die Decke.
"Woran denkst du?", fragte er nach einer Weile und strich ihr mit den Fingern langsam über den Rücken.
"An heute Nachmittag", sagte sie. "Da saß ich noch im Büro und dachte, dass das Leben einfach so an mir vorbeizieht."
"Und jetzt?"
Sie hob den Kopf und sah ihn an. Im Halbdunkel konnte sie sein Lächeln mehr erahnen als sehen.
"Jetzt", sagte sie, "habe ich das Gefühl, ich bin mitten drin."
Er zog sie näher an sich, küsste ihre Stirn und sagte nichts mehr. Es war auch nichts mehr zu sagen nötig.
Eine ganze Weile lagen sie so, ohne zu sprechen, und Lena lauschte dem Regen und seinem Atem, der allmählich ruhiger wurde. Sie hätte schwören können, dass sie noch nie im Leben so vollkommen entspannt gewesen war. Erst als sie schon halb im Schlaf war, sprach er wieder, leise, fast als rede er mit sich selbst.
"Weißt du, was komisch ist?", sagte er. "Ich wollte heute Abend eigentlich gar nicht in diese Bar. Ich war müde, ich hatte einen langen Tag, und ich dachte, ich gehe direkt nach Hause. Im letzten Moment habe ich es mir anders überlegt."
"Und warum bist du doch hingegangen?", fragte Lena.
"Keine Ahnung", sagte er. "Vielleicht wollte ich einfach noch nicht in eine leere Wohnung. Und jetzt frage ich mich, was gewesen wäre, wenn ich es nicht getan hätte. Wenn ich einfach heimgegangen wäre."
Lena richtete sich auf einen Ellbogen auf und sah ihn an. "Dann hätten wir uns nie getroffen", sagte sie.
"Eben", sagte er. "Es ist erschreckend, wie viel von einem ganzen Leben an solchen winzigen Entscheidungen hängt. Ein Schritt nach links statt nach rechts, und alles wäre anders."
"Vielleicht", sagte Lena leise, "sollten wir aufhören, darüber nachzudenken, was nicht passiert ist, und einfach froh sein, dass es passiert ist."
Er lächelte und zog sie wieder zu sich herunter. "Du hast recht", sagte er. "Du hast völlig recht."
Sie schlief in seinen Armen ein, zum Geräusch des Regens, der gegen die Fenster trommelte, und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie keine Angst vor dem Morgen.
Lena wachte auf, weil die Sonne durch die hohen Fenster fiel. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann erinnerte sie sich, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, bevor sie überhaupt richtig die Augen geöffnet hatte.
Die andere Seite des Bettes war leer, aber noch warm. Aus der Küche hörte sie Geräusche — das Klappern von Geschirr, das leise Brummen einer Kaffeemaschine, eine Melodie, die jemand vor sich hin summte.
Sie blieb noch einen Moment liegen und sah an die Decke, an der das Morgenlicht jetzt ganz andere, hellere Muster zeichnete als die Nacht zuvor. Sie wartete auf das vertraute Gefühl der Reue, das sonst auf solche Nächte zu folgen pflegte — doch es kam nicht. Stattdessen spürte sie nur eine ruhige, warme Zufriedenheit, die sich anfühlte, als wäre sie endlich irgendwo angekommen.
Sie zog sich sein Hemd über, das auf dem Boden lag, und ging hinüber. David stand am Herd, mit nacktem Oberkörper und zerzaustem Haar, und schlug gerade Eier in eine Pfanne. Als er sie sah, hielt er einen Moment inne, und der Blick, mit dem er sie ansah, ließ ihr Herz wieder schneller schlagen.
"Guten Morgen", sagte er. "Ich hoffe, du hast Hunger. Ich kann nicht viel, aber Rührei bekomme ich hin."
"Mein Hemd steht dir übrigens gut", fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu.
Sie ging zu ihm hinüber, stellte sich hinter ihn und legte die Arme um seine Mitte, während er weiter die Eier rührte. Sie lehnte die Wange an seinen warmen Rücken und schloss die Augen. Es war eine kleine, alltägliche Geste, und gerade deshalb fühlte sie sich so kostbar an — als wäre sie das eigentliche Wunder dieser Nacht, nicht alles, was davor geschehen war.
"Vorsicht", murmelte er, "sonst brennt das Frühstück an, und dann war meine ganze Mühe umsonst."
Lachend ließ sie ihn los und lehnte sich an den Türrahmen und betrachtete ihn — diesen fremden Mann in seiner Küche, der ihr gestern Abend noch völlig unbekannt gewesen war und der ihr jetzt vorkam, als gehöre er auf seltsame Weise schon immer in ihr Leben. Sie wusste, dass solche Nächte manchmal nur Nächte blieben, dass das Licht des Morgens viele Dinge anders aussehen ließ. Aber als er ihr eine Tasse Kaffee reichte und sie dabei flüchtig auf den Mund küsste, spürte sie, dass dies hier vielleicht der Anfang von etwas war — und sei es nur der Anfang davon, sich selbst wieder lebendig zu fühlen.
"Was hast du heute vor?", fragte er, während er zwei Teller auf den kleinen Tisch am Fenster stellte.
"Eigentlich", sagte Lena und setzte sich, die warme Tasse zwischen den Händen, "müsste ich einen Bericht zu Ende schreiben."
"Und uneigentlich?"
Sie sah hinaus, über die Dächer, die in der Morgensonne dampften, und dann wieder zu ihm.
"Uneigentlich", sagte sie langsam, "habe ich überhaupt nichts vor. Den ganzen Tag nicht."
David lächelte und setzte sich ihr gegenüber. Draußen war der Regen verschwunden, und über der Stadt spannte sich ein blasser, klarer Himmel.
"Dann zeig mir doch deine Stadt", sagte er. "Ich wohne jetzt seit Monaten hier und kenne kaum mehr als den Weg zur Bar und zurück. Du könntest mir die Orte zeigen, die in keinem Reiseführer stehen."
"Die gibt es", sagte Lena. "Ein paar zumindest."
"Dann fangen wir damit an", sagte er. "Wir haben ja den ganzen Tag."
Sie sah ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg an, diesen Mann, der gestern noch ein Fremder gewesen war und der heute so selbstverständlich von einem gemeinsamen Tag sprach, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit. Und sie merkte, dass sie nichts daran ändern wollte. Zum ersten Mal seit langer Zeit lag ein Tag vor ihr, der nicht durchgeplant war, der nicht aus Verpflichtungen bestand, sondern aus lauter offenen Türen.
Der Bericht konnte warten, dachte Lena, während sie den ersten Bissen probierte. Manche Dinge konnten warten — die Arbeit, die Vernunft, die Frage, was aus alledem werden würde.
Dieser Morgen nicht.